Der gestiefelte Keilof06.08.2006 23:19h

Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, streiche mir Strähnen aus dem Gesicht und werfe einen Blick auf die Uhr. Es ist viertel vor zehn. Draußen bricht die sanfte Abenddämmerung eines heißen Sommertages herein. Ich nehme den Wischer und geh durch die letzte Ecke des Klassenraums und nehm mir dann den Flur vor. Das hellgraue wellige Linoleum knirscht unter meinen Turnschuhen. Ich schaue den Schulflur hinunter und seufze. Der Flur sieht endlos aus im trostlosen Licht der Neonröhren. Er ist durch Glastüren unterteilt. Ich kann mein Spiegelbild in den Scheiben sehen. Da bin ich. Eine Frau Mitte dreißig mit einem hellblauen Kittel neben einem Rollwagen mit Eimern und Putzzeug und einem Wischer in der Hand. Ich lege den Wischer beiseite und betrachte mein Spiegelbild eingehender, ich drehe und wende mich. Ich habe etwas zugenommen, aber ich sehe trotzdem noch ganz passabel aus. Ich bin eine gutaussehende Frau. Die Männer lieben mein schulterlanges schwarzes Haar, sie begehren meine hellbraune Haut, meinen breiten Hintern, die sanften Hügel meiner Brüste. Jedenfalls rede ich mir das gern ein. Ich werde alt. Drei Kinder gehen nicht so spurlos an einem vorüber. Mein Gesicht ist schlaffer und blasser geworden, meine Falten tiefer und länger. Ich sehe vielleicht nicht wirklich scheiße aus, aber man sieht mir an, dass ich kein Frischobst mehr bin. Ich bin wie ein getrockneter Strauß Rosen, trocken und verhärtet, etwas angestaubt und brüchig. Durchaus schön auf seine Weise. Aber begehrenswert ist etwas anderes. Sie stehen nicht mehr Schlange. Sie schauen mich nur noch an, wenn ihnen langweilig ist und sie aus Zeitvertreib ihren Blick umherschweifen lassen. In Cafés und Dönerbuden, in Bussen oder an Haltestellen. Einige sehen durchaus so aus, als fänden sie das, was sie sehen, sehenswert. Aber manchmal sieht man einen Funken Mitleid darin mitschwingen, als würden sie denken: „Mit zwanzig muss sie wunderschön gewesen sein.“ Aber was interessieren mich die Gedanken dieser Männer da draußen? Ich liebe meinen Mann. Vielleicht nicht mehr so, wie ich ihn geliebt habe, als ich ihn mit 23 geheiratet habe. Aber ich liebe ihn noch immer. Die meiste Zeit seit unserer Heirat habe ich genossen. Trotzdem habe ich das Gefühl, mein Leben als junge Frau weggeworfen zu haben, indem ich so früh geheiratet habe. Ich sehne mich manchmal nach anderen Händen als seinen auf meiner nackten Haut. Ich bin keine abgefuckte Schlampe. Ich will nur etwas mehr vom Leben. Mehr, als mir dieses geben kann. Er ist Busfahrer und er ist gern Busfahrer. Aber ich finde meinen Job beschissen. Ich sollte nicht Putzfrau sein. Ich bin gelernte Bürokauffrau, ich wollte nie Putzfrau sein. Jetzt mach ich mich mit dieser Scheiße kaputt. Böden wischen, Mülleimer ausleeren, Toiletten säubern und älter werden. Es ist zehn Uhr. Ich beginne, den Flur zu wischen.

Der gestiefelte Keilof06.08.2006 22:54h

Patty stand um neun Uhr auf und hüpfte unter die Dusche, um sich den Schweiß der schwülen sommerlichen Nacht von der Haut zu spülen. Sie trank einen schwarzen Tee und rauchte zwei Zigaretten und aß eine Schüssel Cornflakes mit Milch und rauchte noch eine Zigarette. Dann zog sie sich etwas an und stöckelte mit ihrer großen Ledertasche in die Welt hinaus. Es war nun halb elf und die Luft war angenehm kühl und das Licht noch mild und rosa wie der Babypopo des Schreinerlehrlings, der sie gestern nachmittag dafür bezahlt hatte, ihn übers Knie zu legen. Patty hatte heute mittag einen Termin. Eine Hausfrau benötigte ihre Dienste: Patty sollte ihren Mann zum Putzsklaven erziehen. Noch bevor er den Mittagstisch verlassen und sich wie jeden Tag in seine versiffte Altmännerkneipe verziehen würde, um sich ein Herrengedeck nach dem anderen reinzuziehen, sollte sie dort sein und ihn zu einer brauchbaren Putzkraft dressieren. Patty war stolz auf das, was sie tat. Ihre Tätigkeit- und da war sie sich ganz sicher- war ein großartiger Dienst an der Menschheit. Ich sollte sie mal wieder anrufen.

Der gestiefelte Keilof19.12.2005 22:42h

Etwas stand auf einer Wand, an der Francine auf dem Weg zum Schlachthof vorbeikam, der genau um die Ecke lag. Es war ein Spruch. Da jedoch ein Teil der Fassade abgesprungen war, war er unvollständig: es fehlten ein paar Buchstaben. Und da die restlichen Buchstaben in so unregelmäßigen Größen und Abständen gesetzt worden waren, war nicht sicher zu sagen, wieviele Buchstaben an der entsprechenden Stelle zu sein hatten, so dass man zumindest hätte erahnen können, wie das volle Wort lautete.

K ~ i s m u s i s t n ich t t ot, e r ri ec h t n ur k o mi sch

„Wie soll ich denn daraus schlau werden?“ sagte Francine gegen die Wand. Aber was immer da gelebt und gestunken hatte, nun war es ganz eindeutig und zweifelsfrei tot, denn der Gestank, der Francine in die Nase stieg, war der von Tod und Verwesung. Die Sonne brannte heiß von einem wolkenlosen Himmel und ließ die Welt gären. Francine kratzte sich zwischen den verschwitzten Arschbacken, wo es juckte.

Der gestiefelte Keilof01.11.2005 22:44h

Was wissen diese Leute, die sich so das Maul zerreißen, schon? Das hier ist die wahre Geschichte von Frank W. und ich meine damit: die einzig wahre.
Frank W. erschien pünktlich zur Spätschicht in der Metalldreherei. Er trug eine Schusswaffe unter seinem Arbeitskittel. Er sah seine Kollegen und hörte, wie sie ihn grüßten. Er entschloss sich, es nicht zu tun. Frank W. grüßte zurück und ging auf die Toilette. Dort setzte er sich in seine Stammkabine, hielt sich mit der einen Hand die Waffe an den Kopf und umklammerte mit der anderen seinen Penis. Der Penis wurde steif. Er entschloss sich, es doch nicht zu tun. Er holte sich einen runter und dachte an seine Frau und die erste Nacht, die er mit ihr gehabt hatte. Er kam. Er hatte einen großartigen Orgasmus. Und noch einen. Und noch einen. Und einen weiteren. Und noch einen weiteren. Dann bekam er einen Herzanfall und starb.
Ungläubig erhob Frank W. sich aus seinem verstorbenen Körper und betrachtete diesen. „Was für eine scheiß Art zu sterben soll das denn sein?!“ rief er aus. Unter einem spektakulären Abgang hatte er sich etwas ganz anderes vorgestellt als das hier. Seine Kinder würden in der Schule gehänselt werden, seine Frau würde mit beschämt nach unten geneigtem Gesicht durch die Nachbarschaft gehen müssen. Angesichts dieser Tatsache hätte er sich am liebsten gleich noch mal umgebracht. Er wollte doch niemandem eine Schande machen! Frank W. seufzte. Es war zu spät. Er zuckte mit den Achseln und verließ die Toilette, verabschiedete sich von seinen Kollegen, seinem Arbeitsplatz und der Maschine, an der er viele Jahre gearbeitet hatte. Alles würde anders werden. Er ging hinaus. Alles war anders.
Der Himmel war strahlend grün und orangefarbene Wolken zogen ihre Bahnen. Er lief über goldenen Asphalt, er sah blaue und weiße Autos kopfüber vorbeifahren. Menschen gingen über den Erdboden zwischen den Gebäuden oder die Wände der Gebäude hinauf und hinunter, wie es ihnen gerade gefiel und je nachdem, wie eilig sie es hatten, von einem Ort zum anderen zu gelangen. Er streichelte einen Hund, durchsichtig wie eine Qualle. An einer Straßenecke betrat er ein einladendes Sadomasolokal, dessen Front elfenbeinweiß gestrichen war.
Hinter der Rezeption stand eine wunderschöne Domina mit bronzebrauner weicher Haut und pinkfarbenen Haaren. Sie trug knappe und enge Lederbleidung und kniehohe Stiefel, alles in Pink. Sie hatte die freundlichsten Augen und das freundlichste Lächeln, das Frank W. je gesehen hatte. Bei ihrem Anblick überkam ihn ein warmes Gefühl der Geborgenheit, wie er es aus den Tagen seiner Kindheit kannte, wenn er rundum zufrieden am Busen seiner Mutter gedöst hatte. Die Domina nahm seinen Kopf in beide Hände, küsste ihn und hauchte ihm ein „Komm mit mir“ ins Ohr. Frank W. folgte ihr durch das mit weißem Pelz ausgeschmückte Innere des Ladenlokals und eine Treppe hinauf. Auch hier war alles mit weißem Pelz ausgelegt, die Decke, der Boden, die Wände, alles. Sie führte ihn in einen Raum und wies ihn an, sich auszuziehen und auf den Boden zu legen. Frank W. war ruhig und entspannt und glücklich. Und als sie ihn mit einer Technik fesselte, die ihm völlig unbekannt war, und zärtliche Wörter aus ihrem Mund nahm und ihn damit einbalsamierte, stieg die Geborgenheit zu einem solchen Gefühl von Glück und Zufriedenheit an, dass er mit einem Stoßseufzer all sein Elend ausstieß. Die Domina fing es mit einem wunderbaren Lachen auf und küsste es: es verschwand. Dann lächelte sie ihn mit einer Liebe an, wie sie ihm noch nie begegnet war. Und begann.
Sie massierte seine Brust und es wölbten sich Brüste unter seinen Brustwarzen hervor. Dieser Vorgang überraschte oder schockierte ihn keineswegs: nichts schien natürlicher als das. Dann wandte sie sich seinem Schritt zu und streichelte seine Genitalien. Schon bald war an die Stelle dieser eine Vagina getreten. Sie massierte nun seinen ganzen Körper, küsste und hauchte und lachte und lächelte. Als die Session beendet war, band sie ihn los und ging mit ihm neue Kleidung kaufen. Nach dem Einkauf setzten sie sich in ein nettes kleines Eiscafé in sanften cremefarbenen Tönen und plauderten. So begann Frank W. seine neue Existenz.
Er oder sagen wir lieber: Sie (denn er nannte sich fortan nur noch Francine) ist nun schon seit mehreren Jahren mit dieser wunderschönen Domina liiert. Francine ist ein glücklicher Mensch, auch wenn einige behaupten, sie wäre nur ein geisteskranker Metalldreher, den die Depression in eine psychotische Wahnwelt getrieben hätte. Aber was wissen diese Arschlöcher schon, die haben doch keine Ahnung!

Der gestiefelte Keilof18.10.2005 15:07h

Irgendwo hab ich gelesen, man sollte sein Badezimmer mindestens einmal pro Jahr putzen. Seit einiger Zeit weiß ich auch warum. Nicht nur, dass ich und meine Mitbewohner an Infektionskrankheiten leiden, von denen selbst die Weltgesundheitsorganisation noch nie gehört hat. Nein, die Silberfische haben angefangen, mit uns zu sprechen. Das erste Mal ist das mir aufgefallen. Ich saß auf dem Pott und ließ genußvoll einen sehr sehr großen Schiss ab und plötzlich hörte ich: „Heeeeeee, Aldaaaaaaaaaa! Lad deine Fäkalien woanders ab, du Mistfink!“ Vor meinen Füßen hatte sich eine mindestens fünfzigköpfige Gruppe von demonstrierenden Silberfischen mit kleinen Schildern und Transparenten versammelt, deren Schrift unleserlich klein war. Ein Silberfisch war auf einen Brocken Seife geklettert und heizte über einen Lautsprecher die anderen an. „Aldaaaa, verpiss dich! Unsere Toilette soll sauber bleiben! Spül dich selbst runter, du Arsch!“ Dann skandierten sie etwas. Ich musste genauer hinhören, um es zu verstehen, doch schließlich konnte ich es hören: „Wir sind die Antifä! Wir sind die Antifä! Wir sind die Antifä!“ „Ihr seid was?!“ fragte ich. „Antifä, du Volldepp!“ schrie der Anheizer, „Die antifäkalische Bewegung stattet dir nen Hausbesuch ab!“ „Antifä- hähähä!!!“ rief ich und stampfte mit den Füßen dicht neben den aufgebrachten Silberfischen auf den verdreckten Kachelboden. Die Versammlung löste sich in Panik auf. Ein paar Silberfische versuchten Widerstand zu leisten, indem sie mit zu Boden gefallenen Haaren, die beim Haareschneiden heruntergefallen waren, auf meine Stahlkappen eindroschen und Tabakkrümel und dicke Flusen nach mir warfen, doch ich pustete sie einfach weg. In Windeseile verschwanden die Silberfische wieder durch die Ritzen hinter die Tapete. Als ich schon dachte, ich hätte Ruhe und könne entspannt weiter meine Fäkalien in die Kloschüssel hinabgleiten lassen, steckte der Anheizer seinen Kopf aus der Ritze in der Tapete, schrie: „Wir kommen wieder! Verlass dich drauf!“ und war dann wieder verschwunden. „Ihr seid sowas von dämlich“, rief ich ihm nach, „ihr wisst wohl nicht, dass Klos dafür gebaut wurden, das man hineinscheißt! Kein Klo ohne Fäkalien!“ Ich hörte es aufgebracht murmeln und flüstern hinter der Tapete: „Is das wahr, was er da sagt? Haben wir uns tatsächlich so zum Idioten gemacht?“ Schließlich kroch der Anheizer unter der Tapete hervor und sagte kleinlaut: „Okay, wir verhandeln.“ Ich wischte mir nur genervt den Hintern, spülte ab und begab mich auf die Suche nach dem Putzzeug. Die Silberfische und ich wurden noch gute Freunde und führten interessante politische Diskussionen über Mülltrennung und Abwasserentsorgung.