Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, streiche mir Strähnen aus dem Gesicht und werfe einen Blick auf die Uhr. Es ist viertel vor zehn. Draußen bricht die sanfte Abenddämmerung eines heißen Sommertages herein. Ich nehme den Wischer und geh durch die letzte Ecke des Klassenraums und nehm mir dann den Flur vor. Das hellgraue wellige Linoleum knirscht unter meinen Turnschuhen. Ich schaue den Schulflur hinunter und seufze. Der Flur sieht endlos aus im trostlosen Licht der Neonröhren. Er ist durch Glastüren unterteilt. Ich kann mein Spiegelbild in den Scheiben sehen. Da bin ich. Eine Frau Mitte dreißig mit einem hellblauen Kittel neben einem Rollwagen mit Eimern und Putzzeug und einem Wischer in der Hand. Ich lege den Wischer beiseite und betrachte mein Spiegelbild eingehender, ich drehe und wende mich. Ich habe etwas zugenommen, aber ich sehe trotzdem noch ganz passabel aus. Ich bin eine gutaussehende Frau. Die Männer lieben mein schulterlanges schwarzes Haar, sie begehren meine hellbraune Haut, meinen breiten Hintern, die sanften Hügel meiner Brüste. Jedenfalls rede ich mir das gern ein. Ich werde alt. Drei Kinder gehen nicht so spurlos an einem vorüber. Mein Gesicht ist schlaffer und blasser geworden, meine Falten tiefer und länger. Ich sehe vielleicht nicht wirklich scheiße aus, aber man sieht mir an, dass ich kein Frischobst mehr bin. Ich bin wie ein getrockneter Strauß Rosen, trocken und verhärtet, etwas angestaubt und brüchig. Durchaus schön auf seine Weise. Aber begehrenswert ist etwas anderes. Sie stehen nicht mehr Schlange. Sie schauen mich nur noch an, wenn ihnen langweilig ist und sie aus Zeitvertreib ihren Blick umherschweifen lassen. In Cafés und Dönerbuden, in Bussen oder an Haltestellen. Einige sehen durchaus so aus, als fänden sie das, was sie sehen, sehenswert. Aber manchmal sieht man einen Funken Mitleid darin mitschwingen, als würden sie denken: „Mit zwanzig muss sie wunderschön gewesen sein.“ Aber was interessieren mich die Gedanken dieser Männer da draußen? Ich liebe meinen Mann. Vielleicht nicht mehr so, wie ich ihn geliebt habe, als ich ihn mit 23 geheiratet habe. Aber ich liebe ihn noch immer. Die meiste Zeit seit unserer Heirat habe ich genossen. Trotzdem habe ich das Gefühl, mein Leben als junge Frau weggeworfen zu haben, indem ich so früh geheiratet habe. Ich sehne mich manchmal nach anderen Händen als seinen auf meiner nackten Haut. Ich bin keine abgefuckte Schlampe. Ich will nur etwas mehr vom Leben. Mehr, als mir dieses geben kann. Er ist Busfahrer und er ist gern Busfahrer. Aber ich finde meinen Job beschissen. Ich sollte nicht Putzfrau sein. Ich bin gelernte Bürokauffrau, ich wollte nie Putzfrau sein. Jetzt mach ich mich mit dieser Scheiße kaputt. Böden wischen, Mülleimer ausleeren, Toiletten säubern und älter werden. Es ist zehn Uhr. Ich beginne, den Flur zu wischen.